„Der Natur aufs Maul geschaut“: Schüler erleben spannenden Vortrag zum Thema Bionik
Hanau (pm/rb). Spinnenfäden, die reißfester
sind als Stahlfäden, Pflanzenblätter,
die sich selbst reinigen, mit dem Geckofuß-
Prinzip an Zimmer-Decken spazieren
gehen können: In der Natur finden
sich zahlreiche Vorbilder, die dem Menschen
das Leben unter Umständen leichter
machen können. Bionik heißt das Zauberwort.
Bionik ist ein interdisziplinärer
Forschungsbereich, in dem vor allem Naturwissenschaftler
und Ingenieure als
auch Architekten, Philosophen und Designer
Hand in Hand arbeiten.
„Der Natur aufs Maul geschaut – oder wo
die Technik noch etwas lernen kann“ lautete
daher der Titel eines Kolloquium-Vortrages,
zu dem einmal die Wetterauische
Gesellschaft und die Karl-Rehbein-Schule
(KRS) in den Congress Park Hanau (CPH)
zu frühen Morgenstunde eingeladen hatte.
Neben Schülern der KRS der Jahrgangsstufen
neun, zehn, elf und dreizehn waren
auch Schüler der Otto-Hahn-Schule zu
Gast, um in einem spannenden wie informativen
Vortrag von Dr. Torsten Rossmann
vom Biotechnik-Zentrum Darmstadt
(TU Darmstadt) eben der „Natur
aufs Maul zu schauen“.
Rossmann entführte die Schüler dabei in
tiefe Unterwasserwelten, in Schwindel erregende
Höhen und in das komplexe Reich
der Botanik. „Bionik ist ein Werkzeug,
keine Weltgesundheitsformel“, wollte der
Darmstädter Wissenschaftler gleich zu
Beginn seines Vortrages festgestellt wissen,
aber „ohne die Erkenntnisse aus der
Biotechnik wären wir heut noch lange
nicht so weit, wie wir es momentan sind“,
lobte Rossmann die Forschungsergebnisse
der Bionik. „Auch in der Natur läuft
nicht immer alles 100-prozentig ab. Zudem
dürfen wir nicht vergessen, dass die Natur
Milliarden von Jahren Zeit hatte, die besten
Lösungen durch Ausprobieren zu finden.
Was uns die Natur heute als Lösungsmöglichkeiten
präsentiert, resultiert aus
einem langwierigen Evolutionsprozess“,
klärte der Forscher die Schüler auf.
Künstliche Menschen in 50 Jahren
Und in der Tat: Welche Hausfrau träumt
nicht davon, nie wieder Fenster putzen zu
müssen. Die Lotusblume macht es uns vor:
Die Oberflächenstruktur
ihrer Blätter
ist so konstruiert,
dass Wassertropfgen
nicht nur
schlierenfrei abperlen,
sondern bei dieser
Gelegenheit
gleich auch noch die
gesamten Schmutzpartikelchen
auf
dem Blatt mit abräumen.
Die Forscher
sprechen so auch
vom „Lotus-Effekt“,
der eine Entwicklungszeit von 20 Jahren
hinter sich hat und ein enormes Wasser-
Sparpotenzial in sich birgt. „Allerdings
können wir bisher noch nicht so große
Flächen von dem Oberflächen-Material
herstellen, aber das wird kommen“, ist
sich Rossmann sicher. Darüber hinaus liefert
die Natur aber weitere wichtige Erkenntnisse
gerade in Bezug auf sparsamen
Umgang mit den natürlichen Ressourcen.
So können wir von Haien lernen,
wie man sich in der Schifffahrt effizienter
fortbewegen kann. Oder Korallen-Kaiserfische
zeigen uns, wie man im Automobilbau
optimal Platz nutzen kann bei gleichzeitiger
Optimierung des spritfressenden
Luftwiderstandes. Baupläne von Pflanzen
zeigen auf, wie man größte Stabilität bei
gleichzeitiger Einsparung von Material
erreichen kann. Leichtbau heißt hier das
Stichwort.
„Jedes eingesparte Gramm an Eisen und
Stahl bedeutet für Firmen bares Geld. Von
daher ist für viele namhafte Wirtschaftsunternehmen
die Forschungsdisziplin
Bionik hochinteressant. Manche unterhalten
in dieser Disziplin eigene Forschungsabteilungen
oder unterstützen
und Wissenschaftler bei der Suche nach
Lösungen“, klärt Rossmann weiter auf.
Solche Entwicklungen sind auch im medizinischen
Bereich, denkt man etwa an die
Konstruktion künstlicher Gelenke, äußerst
hilfreich.
Kleine Roboterhunde spielen gegeneinander
Fußball: Auch im Bereich der künstlichen
Intelligenz gibt es Dank Bionik bereits
große Fortschritte. In rund 50 Jahren,
so orakelte Rossmann, werden künstliche
von Menschen erschaffene „Maschinen“
gegen ihre Erfinder Fußball spielen
können – und zudem in der Lage sein, den
amtierenden Fußballweltmeister zu schlagen.
Mag dem einen oder anderen bei derartigen
Aussichten ein kalter Schauer
über den Rücken laufen, so räumte Rossmann
am Ende seines eineinhalbstündigen
Vortrages ein, dass die Natur den vom
Menschen erdachten technischen Produkten
noch immer um Meilen voraus ist.
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Textautor: Tagesanzeiger